Ferienmusikwerkstatt

 

jedes Jahr der Renner

Dienstag, 19. August 2014

Nemesis mit ihren Nachtmaren sucht den schlafenden Marcus Antonius heim

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 640

 
 

Über die Hintergründe und den Kultcharakter dieser Veranstaltung habe ich mich schon beim diesbezüglichen Blog im letzten Jahr ausgelassen, wer darüber etwas wissen möchte, soll dort noch mal nachschauen.

Es sei nur kurz gesagt, dass sich wie jedes Jahr musikbegeisterte aus ganz Deutschland (und in einem Fall auch aus Frankreich), meist die ganze Familie, zu einer Woche voller Workshops auf dem Jugendhof in Vlotho einfinden und ihrer Kreativität freien Lauf lassen.

Am letzten Tag präsentieren die Gruppen, was sie erarbeitet haben, dazu ist jeder eingeladen. Von Nachmittags bis in die Nacht wird Musik in jeder erdenklichen Form aufbereitet.

Für mich sind die Eckpfeiler immer das Kindermusical am Anfang und der Höhepunkt zum Ende, die Barock-Oper. Dazwischen wird gesungen und improvisiert, getrommelt und geklezmert, was das Zeug hält.

Der Stoff für das Kindermusical war dieses Jahr „Momo“. Libretto, Musik und Songtexte, alles selbst geschrieben, mit einem Niveau, dass eigentlich eine Veröffentlichung erfordert. So manche Kindergruppe wäre froh, solchen Stoff zur Aufführung zu haben.

Momo wird von Beppo Strassenkehrer gefunden

Leica M mit 75mm Apo-Summikron bei f/2.0   1/90sec    ISO 1000

A Chorus Line

Leica M mit 75mm Apo-Summikron bei f/2.0   1/60sec    ISO 1000

Die Schildkröte Kassiopeia holt Momo ab

Leica M mit 75mm Apo-Summikron bei f/2.0   1/60sec    ISO 800

Showdown: Der Chef der grauen Herrn will die Stundenblume

Leica M mit 75mm Apo-Summikron bei f/2.0   1/90sec    ISO 1250

Verdienter Applaus

Das Bild dokumentiert zugleich, warum ich keine Möglichkeit hatte, mir ein paar kreative Aufnahmewinkel zu suchen, keine Chance, sich im prall gefüllten Saal zu bewegen...

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/1.4   1/90sec    ISO 200

Fast tut es mir ein bisschen leid, jetzt alles zwischendurch auszulassen und direkt zum Höhepunkt des Abends zu gehen, der Oper. Aber es wird einfach zu lang, ausserdem hat die Oper eine Menge „Eye-candy“ zu bieten, dem möchte ich genug Raum lassen.

Eigentlich ist es jedes Jahr eine Überraschung, was zur Aufführung kommt, aber es gab zu viele undichte Stellen...bereits im Vorfeld der Veranstaltung sickerte durch, dass was mit Kleopatra aufgeführt wird. Kenner vermuteten gleich Händels „Gulio Cesare in Egitto“, aber das war daneben, wenn auch knapp.

Tatsächlich handelte es sich um „Die unglückliche Kleopatra“ von Johann Mattheson, ursprünglich ein (älterer) Freund und Gönner von Händel, der zu Händels Zeit in Hamburg lebte und dort als Tenor, Dirigent und Komponist arbeitete.

Eben bei der Aufführung dieser Oper hatte Händel die Leitung des Orchesters bekommen, weil Mattheson selbst als Tenor die Rolle des Marcus Antonius sang. Da dieser den Bühnentod stirbt, wollte Mattheson den Platz am Cembalo (von wo aus das Orchester geleitet wird) wieder selber übernehmen, aber der 17-jährige Händel hatte Geschmack an der Sache gefunden und weigerte sich schlicht, den Platz zu räumen.

Hammer, was? Die beiden fetzten sich vor versammelter Mannschaft und ich glaube, Händel blieb.

Noch in derselben Nacht kam es zum Duell zwischen den beiden. Händel blieb der Nachwelt dank eines grossen Messingknopfes erhalten, an dem der Degen Matthesons zerbrach. Sie söhnten sich dann zwar aus, aber ihr Verhältnis blieb zeitlebens recht kühl...


Für die Musik sorgen in der Ferienmusikwerkstatt immer das „Barock“-Orchester, eine eingeschworene Gruppe von Amateuren (im positiven, nicht abwertenden Sinne) unter der Leitung von Walter Waidosch (Burg Sternberg) und die Gesangsolisten, die vom Pult aus singen. Mitglieder des Orchesters und die Sänger sind (fast) alle Teilnehmer der Woche.

Die Kinder und Jugendlichen führen dazu die Handlung der Oper pantomimisch auf. Das macht allen unheimlich Spass und die Gestaltung der Kostüme und Requisiten wird mit viel Phantasie von ihnen übernommen.

Das Libretto wird meist leicht gestrafft, dazu kommt es gelegentlich zu eigenwilligen Veränderungen...wie auch dieses Jahr, als die Tanzeinlage plötzlich vom Song „Fata Morgana“ der „Ersten Allgemeinen Verunsicherung“ begleitet wurde. Hatten die bei Mattheson geklaut?

1. Szene: Marcus Antonius hat die Schnauze voll von Politik und Kleopatra. Dass er sich laut Libretto an ein „Stilles Örtchen“ zurückgezogen hat, wurde von der Regie recht frei interpretiert. Vermutlich studiert er gerade die Stellenanzeigen in der Alexandria-Post....“Feldherr gesucht“.

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 1600

Alsbald erscheint die göttergleiche Kleopatra im Kreise ihrer Dienerinnen (kleines Gefolge). Sie will ihren Alten zurückholen, weil sie läuten gehört hat, dass Augustus mitsamt einer Flotte im Anmarsch ist.

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/2.4   1/180sec    ISO 800

„Macht keinen Unfug, Mädels, solange ich weg bin!“

„Geht klar...ähm...Göttliche!“

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/2.4   1/125sec    ISO 800

„Hallo, Süsser! Wie stehen die Aktien?“

„Verpiss dich!“

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 2000

Marc Anton ist nicht unwesentlich angenervt. Aber...hatte ich es schon erwähnt...diese Nase...

Asterix und Obelix - Liebhaber kamen voll auf ihre Kosten.

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/2.4   1/90sec    ISO 3200

Derweil machen die „Mädel“ keinen Unfug, sondern das, was sie am besten können: Sie kümmern sich um die Pflege ihrer Alabasterkörper.

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/2.4   1/125sec    ISO 640

Schliesslich erliegt Marc Anton ihrem Charme. Und ewig lockt das Weib...

„Los Mädel, das ist ein Grund zum Feiern! Tanzt!“

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/2.4   1/125sec    ISO 1250

„Tanzen! Immer tanzen! Mann! Ich hab‘ schon Blasen an den Füssen...und an den Händen, vom schleppen der Eimer mit Eselsmilch für‘s Bad...was sagt eigentlich die Gewerkschaft dazu? Dämliche Zappelei!“

„Klappe, Kleine! Los, walk like a gypsie!“

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/2.4   1/180sec    ISO 1000

Und hier kam die Einlage: „Fata Morgana“ von EAV

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/4.8   1/125sec    ISO 3200

Aber Marc Anton wird von dunklen Vorahnungen gebeutelt. Im Schlaf sucht ihn die Göttin Nemesis mit ihren Nachtmaren heim. Huh! Wer lernt da nicht das Fürchten?

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/2.4   1/125sec    ISO 640

Das Schicksal nimmt seinen Lauf, die ägyptische und die römische Flotte, classis romana (nicht die flotte Römerin, beliebte Fehlübersetzung...), treffen aufeinander, Marc Anton und Augustus kreuzen die Klingen. Nach epischem Schlachtverlauf („die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht“) wird die ägyptische Flotte leider versenkt...

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/4.8   1/180sec    ISO 2500

Nachdem Augustus die Ägypter in den Grund gebohrt hat, lässt Kleopatra ihren Charme in ihrer unnachahmliche Art bei Augustus spielen, Marc Anton ist leider ein Abschreibemodell.

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/2.4   1/125sec    ISO 640

Marc Anton stirbt folgerichtig den Bühnentod (das war die Stelle, als Mattheson wieder ans Cembalo wollte und Händel ihm den Mittelfinger zeigte).

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/2.4   1/125sec    ISO 800

Aber die Sache mit Augustus läuft trotz anfänglicher Erfolge nicht ganz rund, denn...

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 640

...er schickt sie eiskalt (trotz der Hitze) in die Wüste. Da hat sie‘s zwar nicht weit, aber ist trotzdem kein netter Zug von ihm.

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/2.4   1/125sec    ISO 640

So also ergab sich der Titel „Die unglückliche Kleopatra“, denn nun folgt die berühmte Szene, als sie zum Terrarium wankt und sich eine Aspis holt...

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/2.4   1/125sec    ISO 640

...und an die Brust setzt. Oh Horror! Der Sensenmann kichert auch schon wieder im Hintergrund. Und das, obwohl so viele Kinder anwesend sind!

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/2.4   1/180sec    ISO 1000

Der Chronist (im Vordergrund) kann nur noch vermelden, dass Kleopatras sterbliche Überreste von den menschlich total verrohten Hohepriestern (die Lachen sich kaputt!) einbalsamiert wird.

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 640

Aber so läuft das nicht auf dem Jugendhof! Marc Anton und Kleopatra werden vom...Papst wieder aus dem Totenreich zurückgeholt. Welcher Papst das 30 vor Christus gewesen sein könnte (jedenfalls seiner Zeit weit voraus), darüber schweigen die Librettisten beharrlich. Der Amor am linken Bildrand muss übrigens noch von der Oper letztes Jahr rübergerutscht sein.

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/2.8   1/125sec    ISO 800

„Da staunste, was? Eben noch beim Kaffekränzchen mit Isis und Osiris (vorsicht, der schummelt übrigens beim Rommé), dann wieder unter jubelndem Volk!“

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/2.8   1/125sec    ISO 800

Dann gab‘s viel Applaus für Musiker und Schauspieler. Der Abend war noch lange nicht zu Ende. Bis in die frühen Morgenstunden wurde Abschied gefeiert, bis nächstes Jahr...

Spontane Zugabe: Nochmal „Fata Morgana“....Partystimmung!

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/2.4   1/125sec    ISO 2000

Okay...ich hab‘ mich auch ein bisschen fortreissen lassen bei der Beschreibung der Handlung...aber die gute Stimmung der Bilder ist einfach ansteckend.

Wer das hier sieht, den wundert‘s vielleicht nicht, warum das jedes Jahr wieder für alle Beteiligten eine so wichtige Veranstaltung ist.


Wer beim letzten Blog aufgepasst hat, wird sich erinnern, dass ich noch Bilder aus Bergen, Amsterdam und Alkmaar in Aussicht gestellt habe. Letzte Woche war ich sogar noch zwei Tage in Berlin. Viele Fotos mitgebracht, aber man muss ja auch noch was in Reserve haben...vielleicht verwende ich sie mal für spätere Blogs. Bin wieder voll in der Praxis eingespannt, ausserdem bereitet unser Flötenquartett wieder ein Programm für den Herbst vor, da kommt dann so schnell nichts Neues.

Musik am Potsdamer Platz

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/1.4   1/45sec    ISO 1000

Postkarte vom Dom

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/4.0   1/1500sec    ISO 200