Hohe ISO bei der Leica M9 - keine hexerei

 

Ein „Workaround“

Mittwoch, 24. Juli 2013

Im Orchester

Leica M9 mit 75mm Apo-Summicron asph. bei f/2.0   1/90sec    ISO 500

Dieses Bild wurde im Postprocessing eine Blendenstufe hochgezogen, also stellt eigentlich ISO 1000 dar. Trotzdem fängt man sich so wesentlich weniger Rauschen ein. Wieso, lege ich im folgenden Beitrag dar.

 
 

Eigentlich hatte ich nicht vor, so schnell wieder einen Beitrag zu schreiben, aber der Beginn der Ferienzeit bringt den Vorteil mit sich, dass viele reguläre Termine, an die ich sonst gebunden bin, ausfallen und so mehr Zeit als sonst übrig bleibt.


Bei der M schwelge ich ja im „ISO-Rausch“ (und das hat eher gerade nichts mit rauschen zu tun...), aber bei der M9 habe ich ja auch reichlich Low-Light Fotografie realisiert, ohne ständig „Schneegestöber“ befürchten zu müssen.

Nun war es schon immer so, dass ich erstaunt war, wie viel man aus den Schatten einer M9 DNG-Datei noch herausholen kann. Oft habe ich bei available Light zugunsten einer kürzeren Belichtungszeit eher eine leichte Unterbelichtung in Kauf genommen, weil ich wusste, dass ich das im „Postprocessing“ locker ausgleichen kann.

Dieser Ansatz steht nun im gewissen Widerspruch zu „ETTR“ (expose to the right). Dies ist eine Sache, die man natürlich z.B. bei Landschaftsfotografie unbedingt anstreben sollte, um das Maximum an Dynamik aus dem Sensor heraus zu holen. Das impliziert aber auch, dass man eigentlich bei der nativen ISO-Zahl des Sensors bleibt, bei der M9 ist das ISO 160, bei der M ISO 200.

Aber bei Street- oder Eventfotografie hat man nicht immer den Luxus, mehrere Aufnahmen zu machen, um durch Veränderung von Blende oder Belichtungszeit das Histogramm zu optimieren. Vor allem kommt es da darauf an, den entscheidenden Moment fest zu halten. Die erforderliche kurze Belichtungszeit treibt die ISO-Zahlen schnell nach oben.


Meine persönliche Belichtungsstrategie bei schlecht ausgeleuchteten Szenarien war immer, die ISO Zahl eher niedrig zu halten, auf die Highlights (allerdings nicht auf Lampen) zu belichten und die Schatten in der Nachbearbeitung „hervor zu holen“.

Bei ganz schlechtem Licht ging ich aber ohne Skrupel auf ISO 1600 hoch, um nicht zu stark unterzubelichten.

Es zeigt sich jetzt, dass ich das teilweise „aus dem Bauch“ richtig gemacht habe, mit der Ausnahme, dass es nicht effizient ist, bei der M9 zu hohe ISO-Zahlen von vornherein einzustellen.


Manchmal ist auch ein Forum noch zu etwas gut. als ich vor kurzem im Leica-Forum (von dem ich in letzter Zeit enttäuscht war, weil so viel Müll zusammengeredet wird, ich hatte es für mich schon als „Troll-Country“ abgehakt) vorbeischaute, fiel mir ein Beitrag auf, der sich mit dieser Problematik auf systematische Weise beschäftigte und gut recherchiert war.


Die Essenz ist, dass das Signal/Rauschen Verhalten in der Kamera ab ISO 640 ungünstiger ist, als das Rauschen, das auftritt, wenn man eine unterbelichtete Datei „hochzieht“ (also schlicht und einfach den Schieberegler „Belichtung“ in Lightroom nach rechts bewegt).


Was bedeutet das für das praktische fotografieren bei Low Light?

Auto ISO kann z.B. mit Maximalwert 640 eingestellt werden, dazu evtl. Belichtungsautomatik, wenn die Lichtverhältnisse dann noch ausreichende Belichtungszeiten ergeben.

Wenn das Licht „schwindet“, wird bei ISO Automatik, ist die „Schallgrenze“ (also hier ISO 640) erreicht, die Belichtungszeit immer länger, was dazu führt, dass das für Fotos aus der Hand nicht mehr praktikabel ist.

Dann „eiskalt“ manuell eine passende Belichtungszeit einstellen, die man selbst aus der Hand (auch abhängig von der Brennweite) noch für möglich hält, ggf. Bewegung des Motivs mit einbeziehen, sagen wir 1/60, 1/90 oder 1/125sec.

Die resultierende Unterbelichtung wird in Kauf genommen!


Eine DNG-Datei von ISO 640 kann in Lightroom um bis zu drei Blendenstufen angehoben werden! Dies entspricht einer theoretischen ISO Zahl von 5120 (!!!).


Der dabei entstehende „Lärm“ kann von den Rauschreduzierungswerkzeugen in Lightroom durchaus in den Griff bekommen werden.


Vorteil bei der Anwendung von ISO 640 ist zudem, dass der danach (bei höheren Werten) einsetzende Verlust an Dynamik des Sensors nicht eintritt.


Die technische Untermauerung für dieses ISOless shooting findet sich in Fachartikeln wie z.B. hier bei Jim Kasson, aber auch die Ingenieure bei DxO Mark weisen auf das Phänomen hin.

Als ich meinen Fundus durchstöberte, fand ich haufenweise Beispiele, wo ich mich dieses Prinzips sozusagen unbewusst bedient hatte. Nachfolgend ein paar Fotos aus dem Berliner Dom (ich war dort anlässlich eines Oratorien-Konzertes).

Kuppel

Leica M9 mit 28mm Summicron asph. bei f/2.0   1/30sec    ISO 640

Dieses Bild ist in Lightroom um 2,5 Blendenstufen (EV) angehoben worden, das entspricht etwa ISO 3840. Der Vorteil bei dieser Belichtung ist noch, dass mir so die Highlights, die Fenster, erhalten bleiben. Bei „richtiger“ Belichtung würden die gnadenlos ausbrennen. Hier ein 100% Ausschnitt aus dem Bild. Es ist eine Rauschreduzierung von 21 am Luminanzregler appliziert.

Kuppel

Leica M9 mit 28mm Summicron asph. bei f/2.0   1/30sec    ISO 640

Noch Fragen?


„Just for the record“, hier die unbearbeitete DNG-Datei (natürlich als JPG)

Das Potential der DNG-Datei bei dieser ISO Zahl ist also deutlich höher, als wenn ich „in Camera“ einen höheren Wert einstelle.

Zweites Beispiel von derselben Gelegenheit, zunächst die unbearbeitete Datei:

Orgel

Leica M9 mit 28mm Summicron asph. bei f/2.4   1/30sec    ISO 640

Das folgende Bild ist um 3 EV hochgezogen, das entspricht also dem ISO-Wert 5120.


Da muss man dann nicht so mit dem Schicksal hadern, wenn man noch lange auf seine M warten muss oder gar nicht „drankommt“, denn ich las gerade erst ein Interview mit Dr. Kaufmann in „Focus Numerique“, das die aktuelle Lieferzeit der M mittlerweile bei einem Jahr liegt. Hammer!

Orgel

Leica M9 mit 28mm Summicron asph. bei f/2.4   1/30sec    ISO 640  (3 EV angehoben= ISO 5120)

Übrigens hat Dr. Kaufmann in demselben Interview auch zugegeben, dass die „Mini-M“ Werbekampagne für die Leica X-Vario ein grosser Fehler war („es sei nicht seine Idee gewesen“) und man bei Leica nun gelernt hätte: Spiele niemals mit der M!


Apropos M: In wie weit sich diese Dinge auch auf die M anwenden lassen, werde ich noch ausprobieren. Die Schwelle wird höher liegen, geschätzt würde ich sagen, irgendwo zwischen 1000 und 2000.

Jedenfalls trifft diese Gesetzmässigkeit nicht nur auf CCD, sondern auch auf CMOS- Sensoren zu.


Die praktische Umsetzung dieser Erkenntnis bedeutet für mich, dass ich auch bei der M fürderhin die hohen ISO-Werte vermeiden werde. Der Gewinn an Dynamik und „High-ISO Capacity“ durch den moderneren Sensor (gegenüber der M9) ist erhalten.



Mit dieser Technik jedenfalls braucht man die M9 nicht „zum alten Eisen“ zu werfen. Sie ist eine Spitzen- Kamera. Der arg gescholtene Sensor der M9 ist in der Summe (mit den hochwertigen Objektiven) gesehen mehr als die Einzelkomponenten.

Wer nur Kameraspezifikationen vergleicht, verpasst einen grossen Teil der Wahrheit. Das ist für erfahrene Kamera-Tester längst Teil der „Gleichung“. Zum Beispiel hier der abschliessende Kommentar zum Test der M aus Focus Numerique:


 „Parce que le savoir-faire de Leica est aussi dans le traitement d'image, dans le traitement du bruit (ce que notre montée en ISO a démontré) et il faut aller au-delà des simples comparaisons de fiche technique. Pour s'en convaincre, il suffit de comparer le rendu d'un Leica X2 avec celui d'un Sony Nex-5N, qui utilisent tous deux le même capteur CMOS...“


(Übers.: Weil das Know-How von Leica ebenfalls in das Bild einfliesst. Es ist nötig, über das simple Vergleichen von Spezifikationen hinauszugehen. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, einmal das „Rendering“ einer Leica X2 mit einer Sony Nex-5N zu vergleichen, die beide den gleichen CMOS-Sensor verwenden...


Habe ich schon erwähnt, dass ich meine M9 auf jeden Fall behalte...?